Was ist Bildbearbeitung und was ist zulässig?

26. Juni 2011 | Kommentare: 0

Es gibt (z.B. unter Fotografen) seit jeher eine Kontroverse darüber, ob und in welchem Maße Bildbearbeitung zulässig ist. Also inwieweit die nachträgliche Manipulation von Bildmaterial in Form von Fotografien eine moralische Verwerflichkeit darstellt.

Man könnte argumentieren, dass der Zweck die Mittel heiligt.

Puristen mögen alles, was das Ergebnis des Bildeinfangenden Gerätes antastet verteufeln.

Spätestens in Zeiten der digitalen Fotografie wird die Definition einer Manipulation schwierig. Genau genommen sogar schon mit der Kreation derartiger »Bildeinfangsgeräte«. Was sieht das menschliche Auge? Was ist ein Gerät in der Lage einzufangen?

Die Diskrepanz der Bildeindrücke zwischen Mensch-Auge und Kamera-Objektiv ist beträchtlich.

Bringen HDR-Fotos etwas, weil sie dem Kontrastumfangsvermögen des Auges näher kommen?

Möglicherweise wird es niemals gelingen, den Bildeindruck des menschlichen Blickfeldes künstlich zu reproduzieren.

das Problem setzt sich fort

Ein Großteil der Bilder, welche wir heute in Medien vorfinden, ist bis zum Anschlag manipuliert. Was die Akzeptanz bzw. die Wahrnehmungsverschiebung in ein kritisches Maß verstärkt. Man gewöhnt sich regelrecht daran, dass alles bunt, glatt und figuroptimiert aussieht.

Eye-Candy Überzuckerung!

Wird es irgendwann wieder möglich sein, Menschen mit komplett unbearbeiteten Fotos zu begeistern?

Eine Frage, die ich mir immer öfter stelle.

Habe ich mich selbst mit einer Kontrastoptimierung, Helligkeitsänderung oder Bildzuschneidung am visuellen Overkill beteiligt? Mich mitschuldig gemacht an einem Effekt, der schwierig rückgängig gemacht werden kann?

Nun zeige ich hier Bilder, die dem hier beschriebenen Anspruch der Unangetastetheit nicht mehr gerecht werden können. Wie auch?

(vielleicht erwähne ich noch, dass gar durch die Form der JPG-Komprimierung ungewollte »Bearbeitungen« entstehen)

Ich schreibe das unter anderem, weil ich schon mal die Frage gehört habe »ob die Bilder bearbeitet sind«.

Für mich ist diese Frage so derart paradox, wie sie als Leser nun hoffentlich erkennen.

Um ein noch deutlicheres Beispiel anzuführen: Man bat mich, ein Bild »bunter« zu machen. Also die Farbsättigung zu verstärken. Nun mag das an sich kein Dilemma sein, zumal es ein handgemachtes digitales Bild mit comicartigen Köpfen = ohnehin unrealistisch war. Doch genau das zeigt die Attraktivität: Bei zwei gleichzeitig nebeneinander vorliegenden Bildern werden Menschen (unseres Kulturkreises?) das farbsattere immer als begehrenswerter empfinden.

Aber vielleicht irre ich mich da total und Statistiker legen andere Werte vor.

Woher kommt der Wunsch nach perfekten Bildern?

Nun ja ... überlegen wir mal: Wie würde die Welt auf der anderen Seite aussehen? Man sähe auf Titelseiten auch unförmige, blasse, pickelige Menschen. und Objekte in Farben, wie sie von Umweltumwelteinflüssen ausgewaschen Wurden.

Allein der Himmel, Pflanzen und Tiere knallen mit ihren Farben. Hier ergibt sich vielleicht auch die Erklärung für den Wunsch nach satten, kontrastreichen Farben. Es gibt offensichtlich einen evolutionstechnisch begründeten Hang zur »Buntheit«. Die erblühende, wachsende = vielfarbig-satte Natur kannten bereits die Höhlenmenschen als Zeichen von Nahrungsreichtum.

Alles matte, graue wird als vergehend, ja sterbend empfunden. Ohne Blätter an Bäumen und Beeren an Sträuchern begann für unsere Vorfahren dagegen die Zeit des Hungers und der Entbehrung (Nicht Entbeerung!).

So könnte man schlussfolgern, dass wir so sein wollen wie die pralle Natur, wenn wir uns mit quietschbunten Kleidungsstücken behängen.

Was tun dagegen?

Bezugnehmend auf den letzten Abschnitt muss man wohl erkennen: Es ist zwecklos, der Evolution entkommen zu wollen. Doch als Gestalter steht man in der Verantwortung. Dem visuellen Overkill - der Farb-Überzuckerung und Model-Wahn nicht zu sehr zu verfallen. Mutig muss man Wünschen nach Eye-Candy entgegentreten, um nicht selbst irgendwann Opfer des visuellen Wettrüstens zu werden.

So gut wie möglich versuche ich, meine Bearbeitungen kenntlich zu machen. Indem ich sie beschreibe und gegebenenfalls per vorher/nachher Bild darstelle. Diese Direktive rigoros angewendet würde allerdings einen ziemlichen Informationsüberhang produzieren. Ich bitte also darum, etwas mehr Medienkompetenz in Sachen Digitalfotografie und Bildbearbeitung zu entwickeln und zu vermitteln.

Das ist mein Beitrag gegen die zunehmende Wahrnehmungsverschiebung.

kommentiere: